· 

blog 3: Der ängstliche Mensch- warum haben wir Angst und wann wird die Angst zur Angststörung

Angst an sich ist eine sinnvolle Überlebensreaktion, wenn sie uns eine drohende Gefahr signalisiert, der wir uns dann entgegenstellen können. Sie lässt uns wacher werden, damit wir uns wieder Sicherheit verschaffen können, indem wir uns wehren, uns aus der Situation heraus bewegen oder so starr werden, dass wir möglichst unauffällig sind. Ohne Angst wäre uns nicht die Bedeutung von Vorsicht bewusst.
Der Begriff Angst ist von dem lateinischen Wort „angustus“ abgeleitet, welches so viel wie „eng“, „misslich“, „schwierig“ heißt. In der Psychologie unterscheidet man die Angst, welche diffus ist, von der spezifischen Furcht. Auf Altgriechisch nennt sich Furcht „phóbos“ und in unserem Sprachgebrauch „Phobie“. Sie klassifiziert die Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen.
Angst wird dann zu einem Problem, wenn sie uns in unverhältnismäßiger Art und Weise erwischt oder in Situationen, die keine Bedrohung darstellen. Bei Menschen mit einer Angststörung wird in aller Regel nicht die Möglichkeit von Flucht oder Kampf wirksam, sondern vielmehr das Erstarren sie in Beklemmung oder Enge. Die aktivierte Energie reagiert sich je nach Erregungsniveau in Anspannung, Zittern, Herzrasen, beschleunigtem oder stockendem Atem, Schweißausbrüchen, Kribbeln in den Beinen oder Ähnlichem ab. Der Körper bringt sich dadurch wieder ins Gleichgewicht und leitet dieses zu viel an Energie ab. Ängste mit irrationalem Ausmaß stehen ursächlich mit Erlebnissen in Verbindung, die mitunter weit in unserer Vergangenheit zurückliegen. Die Ursprungssituation ist teilweise nicht mehr erinnerbar. Sind die Ängste langsam und gemächlich entstanden, sind sie damit klassisch konditioniert. Es gibt auch Ängste denen eine klare Schlüsselerfahrung, etwa ein traumatisierendes Ereignis zugrunde liegt.
Die Amygdala - auch Mandelkern genannt - ist der Teil des Gehirns, wo jede Situation, die wir erleben, mit den Informationen abgeglichen wird, die früher schon einmal erfahren wurden. Sie hat für unsere Ängste und Angstreaktionen die entscheidende Bedeutung. Dieses kleine Hirnareal signalisiert dem Stammhirn, welches unser Überleben steuert, dass eine Gefahr besteht, und die drei Notfallprogramme Kampf, Flucht oder Erstarren werden aktiviert. Wir sind dann nicht oder nur sehr bedingt in der Lage, Handlungsmöglichkeiten zu analysieren und eine lösungsorientierte Strategie anzuwenden, die zu einer vernünftigen Schlussfolgerung führt. Es besteht an dieser Stelle kein Zugang mehr zum Cortex, der Hirnregion, die komplexe Denkvorgänge bearbeitet. Das würde auch mehr Zeit erfordern als in der entsprechenden Situation zur Verfügung steht. Die Handlungsmöglichkeiten werden demzufolge gefühlsmäßig entschieden.
Je nachdem, wie der Körper auf das reagiert, was wir außen wahrnehmen, verändert sich auch die Körperwahrnehmung. Sie begleitet uns ständig, egal, ob wir uns an etwas erinnern oder etwas real erleben. Die Wahrnehmung unserer Körperempfindungen markieren die jeweilige Situation als angenehm oder unangenehm. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio bezeichnet sie in diesem Kontext als somatische Marker („Soma“ = Körper). Sie helfen auf unbewusster Ebene ja/nein- oder hin/weg- Entscheidungen zu treffen. Erleben wir eine überfordernde Situation, nehmen wir im gleichen Moment die unangenehmen Empfindungen dazu war. Dieses Erleben wird sofort als Angstreiz in unserem Körpergedächtnis gespeichert. Mit diesem somatischen Marker wird eine nächste Situation, die von unserem Gehirn als ähnlich bewertet wird, die gleichen körperlichen Reaktionen abrufen. Angst- und Panikerlebnisse sind also das Ergebnis eines automatisierten Denkprozesses. Auch wenn sich unser Gehirn immer weiterentwickelt hat, funktioniert es, wenn es etwas als Gefahr identifiziert in einem Bruchteil von Sekunden, denn es hat sich aus Sicht der Evolution bewährt, schnell vor dem Säbelzahntiger wegzulaufen. Diese effiziente Arbeitsweise hat unser Gehirn also beibehalten.
Ein weiteres menschheitsgeschichtliches Erbe Ist die Angst vor Dunkelheit und Monstern. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene sind davon betroffen. Der britische Bettenhändler „Bensons for beds“ führte eine Umfrage mit 2000 Erwachsenen durch, von denen 64 Prozent der Befragten angaben, sich immer noch im Dunkeln zu fürchten. Evolutionsbiologen sehen einen Zusammenhang mit der Zeit, als der Mensch noch Jäger und Sammler war und unter freiem Himmel lebte.Vor allem im Dunkeln war er aufgrund seines eingeschränkten Sehvermögens ungeschützt. Er musste sich auf seinen Hörsinn verlassen. Ein Geräusch konnte erfahrungsgemäß tatsächlich gefährlich für Leib und Leben sein. Funkelnde Augen und scharfe Krallen stehen heutzutage sinnbildlich für das Erscheinungsbild eines Monsters. Die Forscher fanden heraus, dass die Entsprechung dieser Gestalt beispielsweise eine Raubkatzen in der Nacht sei. Diese Erfahrung ist immer noch in unserer DNA verankert. Das Erbgut des Vorsichtigen hat sich durchgesetzt, da das des Mutigen wohl eher dem Raubtier zum Opfer gefallen ist. Angst ist also der stärkste lebenserhaltende Antrieb des Menschen. Ohne sie wären wir schon ausgestorben.
Angst sucht nach Sicherheit. Wenn es gelingt, sich zu beschützen, ist das Ziel der Angst erreicht. Angststörungen können nur dann entstehen, wenn dieses Bedürfnis, welches hinter der Angst steht, nicht erfüllt wird. Wenn eine Situation Angst auslöst und der Betroffene überlegen kann, wie er eine Lösung für das Problem findet, wird er das ganz von selbst tun. Wenn nicht, wäre das der typische Beginn einer Angststörung, die oftmals schleichend entsteht. Da solch eine Angst wie oben erörtert, erlernt ist, kann sie auch wieder auf ein erträgliches Maß reduziert werden oder je nach Schwere auch wieder komplett verlernt werden. Je früher dafür professionelle Hilfe herangezogen wird, desto günstiger ist der Heilungsverlauf.